Wir sind gefragt, jetzt mutig zu sein, überlegt zu handeln und politisch, wo nötig, auch Unbequemes durchzusetzen. All das sollten wir mit Zuversicht und ohne ständiges Klagen tun.“ Konkret sprach Sabine Weiss, frühere Dinslakener Bürgermeisterin und gerade ausgeschiedene Bundestagsabgeordnete vor fast 150 aktiven Katholiken über die Kraft engagierter Demokraten in Ehrenamt und Politik. Versammlungsthema war drei Monate vor der Kommunalwahl „Aus welchem Geist lebt unsere Demokratie?“. Auch der frühere Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert nahm teil. Im Haus Barbara, dem integrativen Caritas-Hotel und Versammlungsort auf Zeche Lohberg, forderte Lammert demokratisches Handeln gegen alle Bedrohungen von Demokratie in Deutschland und weltweit. Der Bochumer CDU-Politiker, Mann der Bildung und Sohn eines Konditormeisters rief dazu auf, die AfD durch gute Politik zu stellen, aber vor allem auch durch den Einsatz zuweilen müde gewordener Demokraten die Demokratie jetzt zu stützen. „Wir haben uns Vieles lange zu bequem gemacht: Etwa durch billiges russisches Gas, das die teuer gewordene und dreckige Kohle ersetzte.“ Jetzt gelte es, dauerhaft solche Abhängigkeiten zu überwinden. „Als Europäer müssen wir, in Zeiten des US Politikwechsels auch an vorderster Front für demokratische Werte aufstehen und als Demokraten in Deutschland den Hintern hochkriegen“, so der Professor. Das beinhalte nun, sich vermehrt in Parteien oder der sozialen Gesellschaft zu engagieren. Für den Kreiskatholikenrat, ein Gremium von Vertretern aus 19 Pfarreien mit knapp 200.000 Gläubigen und Verbänden am Niederrhein, hatte dessen Vorsitzender Michael von Meerbeck als Veranstalter bewusst auf Regularien der jährlichen Versammlung verzichtet. „Das müssen wir in der Situation der Gefährdung unserer Demokratie nun schieben“, so von Meerbeck im Gespräch. „Wir wollen vor der Kommunalwahl Menschen bewegen, ihnen Hoffnung und Mut zum Engagement geben und die nötigen Inhalte solchen Handelns anstoßen.“ Weniger staatspolitisch als im Blick auf das Alltagsleben beantwortete Sabine Weiss die Frage von Meerbecks nach selbst verschuldeten Ursachen des Aufstiegs radikaler Kräfte. „In der Kinderzeit der Babyboomer gab es noch Langeweile im Alltag statt ständiger Überwachung durch Helikopter-Eltern.“ Solches Eltern-„Management“ erziehe nicht zu Freiheit, Kreativität und Eigenverantwortung. Die sei aber entscheidend für persönliches Wachstum. Weiss betonte den Wert des gegenseitigen Zuhörens für die gerechte Gesellschaft und die Stärkung von Demokratie. „Das zählt mehr für das Wohl von Menschen als zu glauben, Probleme könnten im Netz immer schnell per Knopfdruck geregelt werden.“ Wo solche Problemlösungen durch den zügigen Klick vorgegaukelt werden, führe das zu Frust, Ärger und politischen Vorwürfen gegenüber denen, „die das nicht gebacken kriegen“. Es folge Vertrauensverlust. Politische Fragen stellten Teilnehmer des Abends zum Abschluss im Kreativquartier der umgebauten Lohnhalle. Mit Blick auf den Zulauf der AfD ging es dann darum, ob Deutschland sich noch als Einwanderungsland präsentieren könne. Aus Sicht von Sabine Weiss ist das überlebenswichtig. Migration Qualifizierter bringe die Menschen und das Land voran. Weiss: „Wir dürfen Menschen aber nicht nur sortieren. Andere, politische Geflohene, müssen wir schützen.“ Pastor Wilhelm Kolks, Dechant im Dekanat Dinslaken, fragte abschließend nach einer politischen Vision. Für 2025 blieben die Politiker da erst einmal zurückhaltend. Der Ukraine-Krieg, so Lammert, zeige, „dass wir heute für ganze Jahrzehnte kein Narrativ mehr setzen können“. Bleibt da nur ein „Das Boot ist voll“ der AfD, hatte Kolks zugespitzt? Nach insgesamt zweieinhalb Stunden Dialog waren die Politiker sich dann doch einig: Lammert formulierte: „Jahrzehnte nach, Demokratie wagen´ zählt ,Demokratie verteidigen´ sicherlich.“ Das gilt für alle, vor den Wahlen wie danach im Alltag.
Rheinische Post vom 23.06.2025 Ulrich Wilmes
Foto: Erwin Pottgiesser